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Ukraine RIDE 05.04.2017

Tränen rannten über Evgenia Wangen. Sie konnte nicht verstehen was wir sangen, aber nach jedem Lied bat sie uns nicht aufzuhören, sondern weiter zu singen. Sie lag auf einem schmalen Bett in einem kleinen, lieblosen Zimmer. Sie hatte uns erzählt, dass ihre Schmerzen manchmal so stark waren, dass sie nur noch zum Himmel schreien könne.

Ich wäre gerne die Heldin dieser Geschichte. Würde in diesem Blog gerne schreiben, dass ich mich zu ihr aufs Bett saß und sie in dem Arm genommen habe. Aber ich tat es nicht. Ich konnte es nicht. Am Vormittag des 5. April waren wir im Altenheim der Region Ivanychi. Doch wie so oft mussten wir lernen, dass Worte hier in der Ukraine oft eine andere Bedeutung als in Deutschland haben. In diesem Land sind „Altenheime“ Häuser, in denen Menschen mit zu starken Einschränkungen leben, als dass sie alleine in ihren Dörfern leben können. Menschen, die niemanden haben, der sich um sie kümmert oder für sie sorgt. Niemand, der an sie denkt. Zwar geben sich die Heimleitung und die Angestellten sehr viel Mühe, aber eine Familie können sie nicht ersetzen. Die meisten der Bewohner sind im Seniorenalter. Allerdings werden in der Ukraine auch Menschen mit körperlichen Gebrechen, Lähmungen oder Behinderungen in solche Heime gebracht. Seit Jahren unterstützt Vergiss-mein-nicht e.V. das Altenheim in Staroporetzk. Auch die Matratze, auf der Evgenia lag, konnten wir durch eine Spende an das Heim geben. Doch egal welche Art von Sachspenden wir mit ins Heim brachten - Dinge, die dringend benötigt werden und dort fehlen, wie Shampoo, Seife und Handtücher - viel mehr zählte, dass wir bei ihr waren. Dass wir für sie sangen, auf einer Sprache, die sie nicht verstand. Dass wir für sie beteten und fragten, wie es ihr geht. Wenn ich sage, dass ich gerne die Heldin dieser Geschichte wäre, dann muss ich bedauern, es nicht zu sein. Von dem Moment an, in dem wir das Altenheim betraten, schnürte es mir die Kehle zu. Ich konnte nicht singen – Bei jedem Wort stockte meine Stimme, ich rang nach Atem und Tränen schossen mir in die Augen. Ich konnte nicht für Evgenia oder einen der anderen Heimbewohner beten. Ich saß nicht an ihrem Bett, sondern weinend in einer Ecke des Zimmers. Vielleicht waren es die furchtbaren, wirklich schlimmen Umstände, unter denen diese alten Menschen leben. Vielleicht die Rührung und die Tränen, die sie weinten, während wir sangen. Vielleicht das Bewusstsein, dass es Menschen gibt, die nie gefragt werden, wie es ihnen geht. Und das Wissen darum, dass, wenn sie in einem Land wie Deutschland geboren worden wären, ihre Situation anders wäre. Wir haben Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. In Werkstätten können sie ihr handwerkliches Geschick einsetzen und in betreuten Wohnanlagen wird um sie gesorgt. Hier stand ich vor Menschen, die Tiefen erlebt hatten, die kaum vorstellbar sind. Und selbst im hohen Alter sind diese Menschen alleine. Immer wieder betonten sie, dass sie sich schon freuen, uns im nächsten Jahr wieder zu sehen, wieder singen zu hören. Evgenia verabschiedete sich mit den Worten „Du bist so hübsch und noch so jung!“ und sprach ein Segensgebet. Eine Frau, der ich nichts geben konnte, außer ein paar Lieder, die sie nicht einmal verstand, gab mir alles, was sie konnte.

Wir hatten kaum Zeit, die Erlebnisse des Vormittags zu verarbeiten. Als wir wieder in Nezabudka ankamen, warteten die Kinder schon gespannt auf uns. Jeder von uns hatte sofort mehrere von ihnen um den Hals fliegen und an der Hand. Wieder verbrachten wir mit ihnen Zeit mit Ballspielen und Pfadfinder-Workshops. Doch heute hatten wir auch die Gelegenheit einiger der Kinder zu Hause bei ihren Familien zu besuchen. Die Häuser, in denen die Kinder aufwachsen, sind sehr einfach. Meist lebt eine ganze Großfamilie auf engstem Raum. Mehrere Kinder müssen sich ein Bett teilen. Die Häuser sind so schlecht isoliert, dass bereits jetzt im April die Luft so stickig ist, dass dort kaum unbeschwert geschlafen werden kann. Im Grunde gingen wir ohne jegliche Erwartungen zu diesen Familien. Wir kamen in der Annahme nur wenige Minuten ins Haus schauen zu können. Doch alles kam anders: Als wir das Grundstück betraten, wurden wir mehr als herzlich, ja eher königlich empfangen. Die Mutter hatte für uns den halben Vormittag in der Küche gestanden. Wir wurden in das Wohnzimmer geführt, das gleichzeitig auch als Küche diente. In ihm stand ein kleiner Ofen, der mit Feuer beheizt wird, um zu kochen. Immer wieder betonte sie, wie dankbar sie für Nezabudka ist. Dass sie nicht wisse, was sie ohne es machen sollte. Ihre gesamte Wohnung war mit Möbeln eingerichtet, die wir gespendet hatten. Über Jahre hinweg konnte sie so ihr Haus einrichten – Mit Sofas, Betten uns Matratzen, die Jahr für Jahr mit kleinen Lastwagen in die Ukraine gebracht werden. Von den Familien bekamen allein wir all den Dank, der doch so viel mehr Menschen zu steht. Jedem einzelnen, der eines der Möbelstücke in den letzten Jahren, oder einen kleinen oder großen Geldbetrag gespendet hatte, jeder, der in der Vergangenheit mit auf diesem Ride in der Ukraine war. Doch wir bekamen ihn. Das ist so beschämend, dass wir kaum einen Bissen des aufwendig zubereiteten Festmahls herunterbekamen. Deswegen möchten wir diesen Dank mit euch teilen.

Wenn wir in diesem Blog von Helden erzählen, dann sind heute unsere Helden all die Menschen in Deutschland, die unseren Einsatz hier ermöglichen. Jeder, der diese Zeilen liest, ist unser Held. Ihr habt durch eure Spenden ermöglicht, dass Kinder Kleidung haben, Familien ein Bett, alte Menschen einen Moment der Freude. Ihr seid es, die einfach durch Teilen oder Weitergeben anderen dient. Und damit seid ihr ganz nah an Jesus. Denn alles, was wir für einen anderen Menschen – und in der Bibel heißt es für den Geringsten – getan habt, das habt ihr Gott getan.

Hier noch ein paar Fotos von heute:







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Geschrieben am 06 Apr 2017 von Administrator

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