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Ukraine RIDE 06.04.2017

Gebrochene Kinderträume

Der letzte Tag in Ivanychi. Der letzte Tag an dem wir mit den Kindern Zeit verbringen konnten. Der letzte Tag um Helden kennen zu lernen, zu erleben – ja vielleicht selbst ein Held zu werden. Am Vormittag gingen wir wieder ins Kinderheim. Die Situation dort berührt uns als Gruppe in diesem Jahr besonders. Die Kinder lechzen nach Liebe und klammern sich an jedes Fünkchen Aufmerksamkeit. Es herrscht eine wirklich bedrückende Stimmung. Die Kinder leben in absoluter Perspektivlosigkeit. Nach der 10. Klasse müssen die Kinder das Heim verlassen. Ohne Familie die sie bei der Suche nach einer Arbeit, Wohnung oder Ausbildung unterstützt, verfallen viele in die Kriminalität. Die meisten der Mädchen werden Prostituierte nach dem Schulabschluss. Gesetzlich ist Prostitution in der Ukraine verboten, doch um auch nur an ein wenig Geld zu gelangen verfallen die meisten der Mädchen in illegale Prostitution. Doch das eigentlich Schreckliche ist: Sie sind sich dem absolut bewusst. In Gesprächen ließen die Mädchen im Heim immer wieder Sätze fallen wie „Wenn ich Prostituierte bin…“ und ähnliches. Jedes einzelne Kind in diesem Heim ist sich seiner Perspektivlosigkeit bewusst. Ein Zustand der Träume nicht einmal erst entstehen lässt. Sie alle sind ihrem Kind-sein beraubt. Da es heuet Schüttete als wäre eine Klospülung im Himmel kaputt, konnten wir unser geplantes Programm nur in der Essenshalle des Heims machen. Wir verteilten Waffeln an die Klassen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Um es in den Worten eines der Leiter zu sagen (dessen Namen wir an dieser Stelle lieber nicht erwähnen, nicht dass wir uns noch Ärger einheimsen): „Ich drehe durch. Woher soll ich wissen wer jetzt schon eine Waffel hatte? Wer hatte denn noch keine? Wir bräuchten da ne App dafür!“ Alle die gerade nicht damit beschäftigt waren den Waffel-Überblick zu behalten, trotzt deutsch-strukturiertem System war das beinahe Unmöglich, spielten mit den Kindern oder brachten ihnen ein paar Gitarren Akkorde bei. Absolut bewegend war der Abschied von den Heimkindern. Wir spielten eine Pantomime vor und zum ersten Mal war es mucksmäuschenstill in diesem Raum. Kinder die sich zuvor getreten, geschlagen und angeschrien hatten, waren plötzlich ruhig, mit ihrer Stimme und in sich selbst. Wir erzählten in einer kurzen Andacht von unserem Glauben an Jesus. Dass er jeden Menschen liebt, ohne dass dieser sich das extra verdienen muss. Die Kinder waren berührt und wünschten sich zu beten. Es war als wäre die Sonne aufgegangen in diesem Raum. Doch an diesem Tag standen noch mehr Abschiede an. Durch den starken Regen konnten wir uns auch in Nezabudka nur im Haus aufhalten. Doch die Stimmung war ausgelassen. Zum Abschied sangen wir alle gemeinsam: Die Kinder und Erzieher, wir Pfadfinder und Ride-Teilnehmer. Besonders ein ukrainisches Lied ist uns ans Herz gegangen und im Ohr geblieben. Da jeder Mensch, auch die Leser eines Pfadfinder-in-der-Ukraine-Blogs das Anrecht auf einen guten Ohrwurm haben, wollen wir diesen natürlich mit euch teilen.



Den Abend verbrachten wir mit den Mitarbeitern von Nezabudka. Wir hatten ein großartiges gemeinsames Abendessen und eine tolle Gesprächszeit. Wir wollten ihnen Gottes Segen weitergeben und so beteten wir für jeden einzelnen von ihnen. An diesem letzten Abend in Ivanychi sind sie unsere Helden. Slavik, ein Erzieher, der für viele der Kinder die Papa-Rolle übernimmt, da sie ohne Vater oder mit schwer alkoholabhängigen Vätern aufwachsen. Mimi und Sascha, deren Herz für Gott brennt. Anja, die für jeden ein offenes Ohr hat. Lessja und Irina, die Köchinnen, die Tag für Tag Festmähler zaubern. Sneshana, die Leiterin des Heims die mit viel Fingerspitzengefühl zwischen Deutschen und Ukrainern vermittelt. Natascha, die in jedes Chaos Ruhe bringt. Sie stehen jeden Tag für diese Kinder ein. Trocknen Tränen, spenden Trost und Liebe. Das was wir in dieser einen Woche hier den Kindern geben konnten, schenken sie ihnen Tag für Tag. Die Mitarbeiter von Nezabudka lieben die Kinder, als wären es ihre eigenen. Sie streiten für ihr Glück. Nur wenige Menschen werden je erfahren, was diese Menschen hier Tag für Tag großartiges leisten. Nur wenige Menschen werden ihre Werke sehen. Doch sie geben nie auf. Damit sind die Mitarbeiter von Nezabudka nicht nur heute Abend unsere Helden. Ihre Heldenhaftigkeit nehmen wir mit nach Hause. Nezabudka – Vergiss mein nicht. Das haben wir den Menschen von Ivanychi beim Abschied versprochen. Wir hoffen, dass auch ihr sie nicht vergesst.

Hier noch ein paar Fotos von heute:







 

 

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Geschrieben am 07 Apr 2017 von Administrator

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