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Ukraine RIDE 26.03.2018

Montagmorgen in einem kleinen Ort der westlichen Ukraine. Der Frühstückstisch ist gedeckt, kurz nach 8 Uhr sind alle wach. Wir fühlen uns wohl, Lachen erfüllt den Raum. Und die Zeit vergeht ein wenig zu schnell. Doch Zeit für Lobpreis, einen kurzen Impuls und Gebet haben wir. Und dann geht es los; Holz organisieren, Schnüre schneiden, Farben mischen, Zettel mit „бог любить теье бог i теье не zабуде.“ (Gott liebt dich und wird dich nie vergessen) und weitere Workshops vorbereiten. Es ist viel zu tun, fühlt sich jedoch nicht nach Arbeit an. Wir sind hier, um die Welt ein kleines bisschen zu verändern. Nicht mit großen Worten, nicht mit Unmengen an Geld, sondern mit Liebe, mit einer Berührung, einem Lächeln. Mit Zeit. Wir sind da.

Doch zurück zu dem Vormittag: Sechs Männer ziehen los, Holz für die Workshops holen. So einfach, so Vieles zu erleben. Unser Fahrer fährt zunächst bei einer Frau vorbei, die Hilfe benötigt. Ihr kleiner Sohn hat sie aus Versehen ausgesperrt und nun stehen die Helfer mit Brecheisen vor der Tür. Es gelingt jedoch ohne Gewalt und wir fahren weiter. Nach zwei weiteren Stopps (Kauf dreier Beile, tanken) geht es über die wilden Straßen der Westukraine. Die Fahrt besteht fast ausschließlich aus Schlangenlinien, durch welche den größten Schlaglöchern ausgewichen wird. Dennoch muss immer wieder verlangsamt werden. Im Wald geht es dann schnell, die Stöcke landen im Bus und wir wieder in der Kinderstation.

Nun kommen die Kinder, wir können endlich Zeit mit ihnen verbringen. Spielen, Knoten und Bünde üben und das neue Wissen an Webrahmen und Wachsames-Auge anwenden. Außerdem Eier anmalen, Verstecken und Fangen spielen und ganz viel lachen. Einfach für die Kinder da sein. Dann gibt es für uns und anschließend für die Kinder Mittagessen. Nach diesem darf ein Teil von uns zu einer Familie, um den Geburtstag der Tochter zu feiern. Es wird mehr als reichlich angeboten und große Dankbarkeit für unsere Anwesenheit gezeigt. Das Mädchen freut sich sehr auf das Camp im Sommer in Deutschland, die Mutter ist begeistert - auch wenn sie ihre Tochter vermissen wird. Draußen dürfen wir eine Kuh melken, Katzen und Kaninchen streicheln und einen Einblick in das Leben vor Ort erhalten. Die Toilette befindet sich außerhalb des Hauses. Fließendes Wasser gibt es nicht. Der Schulweg ist bei Regen und Eis kaum begehbar, geschweige denn befahrbar, ein Auto wäre sowieso nicht vorhanden. Träume und Wünsche? Haben Mutter und Tochter nicht. Vielleicht, dass die Kinder gesund bleiben mögen, meint die Mutter. Die Tochter weiß es nicht. Vielleicht eine Ausbildung zur Näherin und dann weiterbilden. Ein Studium ist aus finanziellen Gründen nicht denkbar. Und dennoch ist die Stimmung positiv.

Währenddessen kümmert sich die restliche Gruppe um die Kinder in der Station. Keine Sprachkenntnisse? Das erste Mal dabei? Es ist vollkommen egal, die Kinder schließen einen sofort ins Herz und in ihre Arme.

Nach dem Abendessen proben wir ein weiteres Mal die Pantomime, im Anschluss tauschen wir unsere Gedanken und Erlebnisse aus. Für jeden war der Tag anders und doch eint uns diese Zeit. Sie lässt uns Visionen haben, Schritte zu wagen und neue Wege zu betreten. Sei es ein FSJ, ein Besuch im Sommer oder aber die Übernahme von Verantwortung an anderer Stelle - alles ist möglich. Vieles davon würde uns prägen und unser Leben bereichern. Spannende Voraussetzungen für eine hoffentlich weltverändernde Woche.

Nachtrag:
Andrea und Maria werden von einer Frau angesprochen, die gehört hat, dass im Kinderheim Hilfe angeboten wird. Deren zwei Jahre alte Tochter ist taubstumm und es gäbe eine Möglichkeit, sie zu operieren und ein Implantat einzusetzen. Die OP-Kosten liegen aufgrund fehlender Krankenversicherung bei 30.000€. Die Rideleiterinnen wurden zu ihr nach Hause eingeladen, um die Tochter zu sehen. Und schon an diesem ersten, vollen Tag in Ivanychi geraten die beiden an ihre Grenzen. Seit so vielen Jahren gibt es die Station, sie wurde aus dem Nichts aufgebaut, es fließen Spendengelder hinein und es wird in Erziehung, Essen, Spiele, und in das Obergeschoss investiert. Außerdem werden oft Menschen in ihrer Not versorgt und Arztbehandlungen bezahlt. Der Verein gibt alles, damit die Tagesstätte weiter besteht. Aber es ist einfach kein Ende in Sicht. Es gibt immer weitere Anfragen und Nöte und bittende Hände, die es dringend benötigen. Aber was ist mit unseren Entscheidungen? Wo liegt die Grenze, ab der man nicht mehr hilft/ helfen kann? Liegt es in unserer Verantwortung, wenn das Kind nie hören wird? Wieviel sind wir weiterhin bereit, zu geben, zu investieren, Leute darum zu bitten, sich für die Kinder und den Verein einzusetzen.

Diese Fragen bringen einen in Zerrissenheit, es lässt sich kaum beantworten. Natürlich wird nach Lösungen gesucht. Aber es muss immer wieder klar werden, dass wir diese Verantwortung nicht tragen können. Wir können ja zu Gottes Plan sagen. Aber wir können diesen nicht beeinflussen… Gott weiß, was er tut. Er sieht auch unsere Sorgen. Und er meint es mit jedem gut. Er gebraucht uns, um hier Wunder zu bewirken. Und er will uns nicht schwächen und auslaugen, sondern stärken. Alleine würden wir alle Kräfte verlieren. Er ist derjenige, der uns wieder auffüllt und Mut macht. Mut, immer weiterzugehen. Sodass jeder Stolperstein zum Trittstein dient.


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Geschrieben am 31 Mar 2018 von Administrator

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